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Archivale im Fokus

04.08.2016

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Westfluktuationsmeldung (SächsStA-F, 40095 VEB Bergbau- und Hüttenkombinat Albert Funk Freiberg samt Vorgängerbetrieben und Nachfolgern, Nr. 1-2088)
(©Sächsisches Staatsarchiv)

Deutsch-deutsche Fluchtbewegungen vor dem 13.08.1961.In den ersten eineinhalb Jahrzenten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand eine der weltweit größten Flucht-und Migrationsbewegungen mitten in Deutschland statt.


Zwischen 1949 und 1961 verließen rd. 3 Millionen DDR-Bürger ihre Heimat und flohen in den Westen, nach dem Mauerbau am 13.08.1961 bis zum Jahr 1989 waren es noch einmal rd. 795.000 Menschen. Demgegenüber stand die Zahl von rd. 500.000 Menschen, die zwischen 1949 und 1989 von der Bundesrepublik in die DDR (i.d.R. legal) übersiedelten. Die Gründe für diese Ost-West-Fluchtbewegung waren sehr vielfältig und reichten von der Familienzusammenführung, wirtschaftlichen Versorgungsproblemen in der DDR und mangelnden beruflichen Perspektiven bis hin zu fehlender Meinungsfreiheit, politischer Repression und Verfolgung Andersdenkender. Für die DDR war dieser ständige personelle Aderlass ein großes Problem, denn es waren vor allem gut ausgebildete Bevölkerungsschichten und Teile der Intelligenz, die sich auf den Weg in den Westen machten. Bereits im Jahr 1952 riegelte die DDR deshalb die innerdeutsche Grenze ab. Bestraft wurde der »ungesetzliche Grenzübertritt«, wie die Republikflucht offiziell bezeichnet wurde, zunächst als ein Verstoß gegen das Passgesetz der DDR. Im Jahr 1968 wurde ein entsprechender Straftatbestand in das Strafgesetzbuch der DDR aufgenommen (in Widerspruch zur Menschenrechtserklärung der UN) und ein Verstoß mit bis zu fünf (später acht) Jahren Freiheitsentzug geahndet. Um die Fluchtbewegung zu unterbinden, entwickelten die Staatsorgane der DDR umfangreiche Aktivitäten. Für die Staatssicherheit, Volkspolizei und Grenztruppen wurde es zu einer der wichtigsten Aufgaben, fluchtbereite oder ausreisewillige Menschen zu identifizieren und am Verlassen der DDR zu hindern. In den Betrieben mussten in den Monatsberichten alle Fälle von Republikflucht erfasst werden. Die Betriebsleitungen und auch die SED-Gliederungen entwarfen ein ganzes »Maßnahmentableau«, um Fluchtwillige zur Aufgabe ihres Vorhabens zu bewegen und bereits Geflüchtete wieder zurück zu holen. War eine Flucht geglückt, hatte das gravierende Folgen für in der DDR verbliebene Verwandte und Freunde, denn auch das Wissen um eine bestehende Fluchtabsicht stand unter Strafe. Am Arbeitsplatz, bzw. bei Schülern in der Klasse, fanden sogenannte »Aussprachen« statt, auf welchen das Verhalten des Geflüchteten kollektiv missbilligt werden musste.

Unterlagen zum Thema »Republikflucht« sind in den Archivalien des Staatsarchivs vielfach zu finden. Als Beispiel für eine betriebliche Überlieferung wird hier ein Auszug aus einer Akte des VEB Bergbau- und Hüttenkombinat »Albert Funk« Freiberg vorgestellt, in welcher viele Aspekte des Themas deutlich werden.

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